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10. September 2026

Begriffsklärung: Pestizide, Biozide, Wirkstoffe, biologische Mittel

Pflanzen­schutz ist eine Wissenschaft. Wissenschaften stützen sich auf präzise Definitionen von Begriffen, die auch international verwendet werden. Die Debatte um den Einsatz von Pflanzen­schutzmitteln in der Landwirtschaft ist geprägt von unklaren Begrifflichkeiten, wenn es um die Definition von chemisch-synthetischen beziehungsweise biologischen Pflanzen­schutz geht. Die folgende Begriffserklärung ordnet diese Begriffe ein und leistet einen Beitrag an die Versachlichung der Debatte.

Bio-Landbau Biozid Faktenblatt

Zielsetzung des Merkblattes

  • Einordnung der Begriffe rund um Pflanzen­schutzmittel, Pestizide, Biologicals sowie biologische und chemisch-synthetische Mittel.
  • Erklärung der Unterschied zwischen biologischem und konventionellem Pflanzen­schutz.
  • Pflanzen­schutz im biologischen Landbau.
  • Möglichkeiten und Grenzen von pestizidfreier Landwirtschaft.

Was sind Pestizide?

Nach der offiziellen Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sind Pestizide Substanzen oder Stoffmischungen aus chemischen oder biologischen Inhaltsstoffen zur Abwehr und Bekämpfung von Schädlingen, Krankheiten und Unkräutern sowie Pflanzenwachstumsregulatoren. Pestizide lassen sich wie folgt unterteilen:

  • Pflanzen­schutzmittel (Produkte zum Schutz von Pflanzen)
    z.B. Fungizide, also Mittel zur Bekämpfung von Pilzen
  • Biozide (Produkte zum Schutz von Menschen und Tieren)
    z.B. Reinigungs- und Desinfektionsmittel.

Diese Definition entspricht ebenfalls den Begriffserklärungen von Pestiziden und Pflanzen­schutzmitteln in der Europäischen Gesetzgebung (EFSA, EU-Richtlinien). Wer also von Pestiziden spricht, meint immer beides: Pflanzen­schutzmittel und Biozide. Wer Pestizide verbietet, der verbietet auch den Einsatz von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln.

Was sind Pflanzen­schutzmittel?

Pflanzen­schutzmittel sind chemische und biologische Wirkstoffe oder Zubereitungen, die dazu verwendet werden, Pflanzen- und Pflanzenerzeugnisse vor Schadorganismen zu schützen, den Stoffwechsel und das Wachstum der Pflanzen zu beeinflussen und unerwünschte Pflanzen oder Pflanzenteile zu vernichten. Pflanzen­schutzmittel werden, je nach Wirkung, in verschiedene Gruppen eingeteilt.

Zum Beispiel:

  • Herbizide: Mittel gegen Unkräuter
  • Insektizide: Mittel gegen Insekten
  • Fungizide: Mittel gegen Pilzerkrankungen
  • Molluskizide: Mittel gegen Schnecken
  • Wachstumsregulatoren: Mittel zur Steuerung biologischer Prozesse

Was sind Biozide?

Biozide sind Wirkstoffe oder Zubereitungen, die Schadorganismen abtöten oder zumindest in ihrer Lebensfunktion einschränken. Sie werden zum Beispiel zur Bekämpfung von Bakterien, Insekten, Pilzen oder Algen eingesetzt. Die Schadorganismenbekämpfung kann auf chemischem oder biologischem Wege erfolgen. Biozide lassen sich grob in vier Hauptgruppen unterteilen:

  • Desinfektionsmittel: z.B. für die menschliche Hygiene oder für die Hygiene im Veterinärbereich, aber auch Produkte zur Desinfektion von Trinkwasser
  • Schutzmittel: z.B. Holzschutzmittel, Sprays gegen Mücken oder Imprägniermittel für Baumaterialien
  • Schädlingsbekämpfungsmittel: Insektizide, Akarizide (zur Bekämpfung von Milben und Spinnen), Rodentizide (gegen Nagetiere) etc.
  • Sonstige Biozidprodukte: z.B. Antifoulingmittel, die verhindern, dass sich an Schiffsrümpfen Organismen ansiedeln.

Was ist ein Wirkstoff?

Wirkstoffe sind biologisch aktive Verbindungen, die in geringen Konzentrationen biochemische und physiologische Prozesse in pflanzlichen, tierischen und menschlichen Organismen quantitativ und/oder qualitativ im Sinne einer Hemmung oder Aktivierung beeinflussen.

Was sind synthetische Pflanzen­schutzmittel?

Alle Pflanzen­schutzmittel, die durch eine Synthese hergestellt werden, sind auch synthetisch. Als Synthese wird der Vorgang bezeichnet, bei dem aus Elementen eine Verbindung oder aus einfach gebauten Verbindungen ein zusammengesetzter neuer Stoff hergestellt wird.

Dabei sind zwei Varianten zu unterscheiden:

  • Synthetische Pflanzen­schutzmittel, die naturidentisch sind. Ein Beispiel sind Pheromone. Insektenpheromone sind Botenstoffe, die der chemischen Kommunikation zwischen Individuen einer Insektenart dienen. Die Landwirtschaft verwendet Insektenpheromone bei der Schädlingsbekämpfung mittels Lockstofffallen zur Verhinderung der Eiablage und bei der Praktizierung der Verwirrmethode. Kommerziell verwendete Pheromone werden synthetisiert. Die im Labor hergestellten Verbindungen haben die gleiche molekulare Gestalt wie die natürlich vorkommenden Stoffe.
  • Synthetische Pflanzen­schutzmittel, die nicht-naturidentisch sind. Darunter versteht man Verbindungen, die in der Natur nicht vorkommen oder aus natürlichen Verbindungen abgeleitet wurden. Ein Beispiel aus der Medizin ist Aspirin. Die Verbindung wird durch eine chemische Synthese produziert, abgeleitet vom Wirkstoff Salicin. Trotzdem ist das Mittel sehr hilfreich. Kaum jemand möchte auf die Errungenschaften der modernen Medizin verzichten. Dazu gehören synthetische Medikamente oder Impfstoffe.

Was sind biologische Pflanzen­schutzmittel?

Biologische Pflanzen­schutzmittel basieren vorwiegend auf Wirkstoffen natürlichen Ursprungs, beispielsweise Mikroorganismen, Pflanzenextrakten, natürlichen Duftstoffen oder mineralischen Substanzen. Die Betriebsmittelliste des FiBL listet im Bio-Landbau zugelassenen Pflanzen­schutzmittel abschliessend auf. Dies sind Nützlinge wie Schlupfwespen oder Marienkäfer, Bakterien, Pilze und Viren, Pflanzenextrakte, Stoffe mikrobiellen oder mineralischen Ursprungs und Pheromone für die Verwirrungstechnik.

Der wesentliche Unterschied zu chemisch-synthetischen Pflanzen­schutzmitteln liegt in der Herkunft der Wirkstoffe: Biologische Pflanzen­schutzmittel basieren auf natürlichen Ursprüngen, während chemisch-synthetische Wirkstoffe künstlich hergestellt werden. Wichtig ist jedoch: „Natürlich“ bedeutet nicht automatisch „harmlos“. Auch im Biolandbau eingesetzte Wirkstoffe wie Kupferpräparate oder Pyrethrine können Risiken für die Umwelt aufweisen und müssen sorgfältig angewendet werden.

Setzen auch Biobauern synthetische Pflanzen­schutzmittel ein?

Ja, das ist korrekt. Zum Beispiel: Keines der im Bio-Pflanzen­schutz zugelassenen Kupfersalze kommt direkt aus der Natur. Sie werden synthetisch hergestellt. Auch Schwefel stammt in aller Regel nicht aus einer natürlichen Quelle, sondern wird synthetisch produziert. Kaliumbicarbonat, Kaliseife und Eisenphosphat gelten ebenso als synthetische Pflanzen­schutzmittel. Im Unterschied zu anderen Wirkstoffen handelt es sich bei der Herstellung von diesen Mitteln meistens um anorganische Synthesewege. Auch enthalten viele Bio-Pflanzen­schutzmittel Hilfs- und Zusatzstoffe, die ebenfalls synthetisch sind. Ein Beispiel: Damit Schwefel als Pflanzen­schutzmittel überhaupt angewendet werden kann, muss er in einer wässrigen Suspension formuliert werden (Schwefel ist nicht wasserlöslich). Dabei werden synthetische Dispergiermittel eingesetzt (z.B. Ligninsulfonate).

Sind synthetische Pflanzen­schutzmittel grundsätzlich problematischer?

Nein, sind sie nicht. Ob ein Pflanzen­schutzmittel synthetisch produziert wurde oder nicht, sagt nichts über seine toxikologischen Eigenschaften (Giftigkeit) aus. So gehören Aflatoxine zu den stärksten Karzinogenen, die wir kennen. Als Pilzgifte sind sie vollkommen natürlich. Und die giftigste aller Substanzen, das Botulinumtoxin, braut Mutter Natur ebenfalls ganz ohne menschliche Einmischung. Deshalb sind auch Bio-Pflanzen­schutzmittel nicht grundsätzlich unbedenklich. So ist ein Grossteil der Kupferpräparate, die häufig im Biolandbau zum Schutz von Obst, Reben und Kartoffeln eingesetzt werden, als gesundheitsschädlich und umweltgefährdend eingestuft. Das Insektizid Pyrethrum, das aus den Blüten von verschiedenen Pflanzenarten gewonnen wird, tötet Bienen, die direkt damit in Kontakt kommen. Darüber hinaus sind die im Pyrethrum-Extrakt enthaltenen Pyrethrine Nervengifte, die auch das menschliche Zentralnervensystem angreifen können. Paraffinöl kann bei Verschlucken und Eindringen in die Atemwege tödlich sein. Schwefelkalk kann die Atemwege reizen und verursacht allergische Hautreaktionen.

Braucht es synthetische Pflanzen­schutzmittel?

Ja, denn synthetische Mittel haben gegenüber natürlichen Mitteln grosse Vorteile bei der Herstellung und der Haltbarkeit. Zudem wirken sie spezifischer und präziser.

Synthetische Pflanzen­schutzmittel sind in der Regel spezifischer und wirksamer. In den letzten Jahrzehnten konnte die ausgebrachten Wirkstoffmengen pro Hektar stetig reduziert werden. Die Pflanzen­schutzmittel wirken gezielt und spezifisch und die Landwirte wenden Pflanzen­schutzmittel in niedrigere Dosis an, um dieselbe Wirksamkeit zu erzielen. Gleichzeitig sind neue Wirkstoffe sicherer.

Synthetische Stoffe lassen sich im Labor mit den gewünschten Eigenschaften und in der benötigten Menge herstellen, während aus der Natur gewonnenen Wirkstoffen Grenzen gesetzt sind. Hat man eine Substanz entdeckt, die die gewünschte biologische Aktivität zeigt, so besteht häufig das Problem, dass man sie nur in geringen Mengen und zum Teil mit hochaufwendigen Verfahren aus natürlichen Quellen isolieren kann. So werden z.B. Chrysanthemen in grossen Monokulturen angebaut, um genügend von dem im Biolandbau zugelassenen Insektizid Pyrethrum zu gewinnen. Die Produktion erfolgt zum grössten Teil in Afrika (Kenia, Tansania, Ruanda) und Kroatien. Meistens werden diese Chrysanthemen nicht biologisch angebaut. Diese Art der Herstellung ist allerdings alles andere als nachhaltig.

Synthetische Pflanzen­schutzmittel sind in der Regel stabiler. Sie reagieren nicht so empfindlich auf Licht oder Sauerstoff. Sie haften und bleiben länger auf den Pflanzen. So können sie ihre Wirkung über eine längere Zeit entfalten und müssen nicht immer wieder neu ausgebracht werden. So werden unnötige Durchfahrten mit den Traktoren verhindert. Dies ist auch wichtig, denn Traktoren verdichten den Boden und stossen CO2 aus.

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